BKK aktuell, 25.10.07

Patientensicherheit
Beistand bei Behandlungsfehlern

Die Krankenkassen arbeiten bei der Betreuung von
Opfern medizinischer Behandlungsfehlers eng
mit der Alexandra-Lang-Stiftung zusammen.
Die gemeinnützige Organisation hilft Betroffenen,
Schadensersatzansprüche durchzusetzen.

Ihre Glieder drückten sie nieder mit einer bleiernen Schwere, nur unter Mühen wälzte sich Sabine K. morgens aus dem Bett. Die 29jährige fühlte sich wie eine alte Frau: schlapp und steif, müde und gebrechlich. Die Gelenke schmerzten, Hände und Füße waren stark angeschwollen. Mit Verdacht auf Rheuma wies ihre Hausärztin sie Mitte September 2004 in eine Uni-Klinik ein. Dort wurden bei Blutuntersuchungen sogenannte ANA-Werte (antinukleäre Antikörper) von 1: 5000 festgestellt, normal sind höchstens 1 : 80. Trotz der alarmierend hohen Werte, die den Verdacht auf eine autoimmune Erkrankung hätten lenken müssen, wurde Sabine K. nach drei Tagen entlassen.

Die verordneten Medikamente halfen nicht, der Zustand der jungen Frau verschlimmerte sich weiter. Sie bekam Fieberschübe, ihre Finger versteiften sich, sie wurde von Tag zu Tag hinfälliger. Die Hausärztin wußte ihr nicht zu helfen, sie hatte von ihren Kollegen der Uni-Klinik keine Hinweise auf therapeutische Maßnahmen erhalten.

13. Dezember 2004: Einweisung in die Rheumatologie eines Kreiskrankenhauses. Die Ärzte verabreichten Sabine K. schmerz- und entzündungshemmende Mittel. Bereits am 17. Dezember wurde sie entlassen. Wenige Stunden später lag der Laborbericht vor. Ein dramatischer Befund. Die ANA-Werte hatten sich massiv verschlechtert: auf 1 : 10 240.

Doch das verheerende Ergebnis fand bei den Ärzten keine Beachtung, obwohl die Labormediziner ihren Klinik-Kollegen gleich fünf denkbare Indikationen als Ursache für die hohen ANA-Werte mitgeliefert hatten, darunter auch SLE – das medizinische Kürzel für Systemischer Lupus Erythematodes: eine Erkrankung, bei der das Immunsystem die körpereigenen Zellen angreift. SLE ist seit Jahren medikamentös gut behandelbar. Statt die Frau sofort zu therapieren, schlug der Chefarzt ihr in seinem Entlassungsbericht vom 7. Januar 2005 einen neuen Vorstellungstermin für Februar vor. Die schlechten ANA-Werte erwähnte er in keiner Zeile.

Bereits einen Tag später, am 8. Januar 2005, brach Sabine K. zusammen und wurde erneut in die Uni-Klinik eingeliefert. Diagnose: Multiorganversagen. Sie konnte aber gerettet werden. Wenige Stunden später stellten die Ärzte massive Durchblutungsstörungen fest, an den Beinen zeigten sich bläuliche Verfärbungen - eine Folge des Lupus; die Amputation war unausweichlich. Die Ärzte wollten ihr auch noch die Hände amputieren, nahmen dann aber Abstand davon. Sabine K. fiel ins Koma, aus dem sie erst vier Wochen später erwachte. Nach einer Reha kehrte sie nach Hause zu ihren drei kleinen Kindern zurück: im Rollstuhl.

Der Körper schwächelte weiter, nach wie vor fühlte sie sich matt und klagte über motorische Probleme. Sie hatte kein Gefühl in den Händen und ließ häufig Gegenstände fallen. Anfang 2006 mußte sie wieder in die Uni-Klinik eingeliefert werden: Nieren-Insuffizienz. Da endlich, 16 Monate nach ihrer ersten Einweisung, stellten die Ärzte die Diagnose SLE. Der schlimme Leidensweg wäre Sabine K. nach den Aussagen von Fachärzten bei rechtzeitiger Erkennung und Behandlung ihrer Krankheit erspart geblieben.

Mit dem tragischen Fall befassen sich inzwischen neben medizinischen Sachverständigen auch Juristen. Wenn Sabine K. (Name anonymisiert, d. Redaktion) als Opfer eines Behandlungsfehlers anerkannt wird, kann sie auf finanzielle Entschädigung durch die Haftpflichtversicherung des behandelnden Arztes oder der Klinik pochen.

Sabine K. ist ein Fallbeispiel aus der Beratungspraxis der Alexandra-Lang-Stiftung (ALS), die durch schwerwiegende Behandlungsfehler geschädigte Patienten unterstützt. Viele der hiervon Betroffenen sind körperlich so beeinträchtigt und als Folge davon psychisch so extrem belastet, daß sie sich selbst nicht helfen können. Wie der an den Rollstuhl gefesselten Frau hilft ihnen die 2004 gegründete gemeinnützige Stiftung, ihre Schadenersatzansprüche durchzusetzen. Sie schaltet medizinische Sachverständige ein und vermittelt Fachanwälte; sie betreut jeden Fall so lange, bis alle juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Die Fälle werden der Stiftung von den gesetzlichen Krankenkassen vermittelt, mit denen sie eng zusammenarbeitet. Die Krankenkassen verfolgen wegen des Anspruchsübergangs (§ 116 SGB X) zwar dieselben juristischen Interessen wie ihre geschädigten Mitglieder, dürfen aber deren Schadenersatzansprüche nicht durchsetzen. In schwerwiegenden Fällen setzt dann durch Vermittlung der Krankenkassen die Unterstützungsarbeit der ALS ein.

„Die Alexandra-Lang-Stiftung“, sagt K.-Dieter Voß, langjähriger stellvertretender BKK-Chef und seit Oktober Vorstandsmitglied im Spitzenverband Bund der Krankenkassen, „hat eine so wichtige Aufgabe übernommen, daß ich die Krankenkassen nur ermuntern kann, den spezifischen Sachverstand der Stiftung besonders in schwerwiegenden und heiklen Fällen sowohl im Interesse ihrer betroffenen Mitglieder als auch der eigenen Finanzen zu nutzen.“ Voß unterstützt die Arbeit der Stiftung durch seine Mitgliedschaft in ihrem Beirat, in dem die fünf größten Spitzenverbände durch ein Vorstandsmitglied vertreten sind.

Vorsitzender des Beirats ist Prof. Dr. Hansjörg Geiger, ehemaliger Staatssekretär im Bundesjustizministerium, einstiger Präsident des BND und ein laut Süddeutscher Zeitung „in allen Parteien gerühmter Spitzenjurist“. „Die Stiftung leistet eine gesellschaftlich wichtige Betreuungsarbeit für Menschen, die dringend auf fremde Hilfe angewiesen sind“, sagt Geiger, „Konzept und Arbeitsweise der Stiftung haben mich so überzeugt, daß ich mich gerne zur Mitarbeit entschlossen habe.“

Von den Aufgaben der Stiftung zur Mitarbeit animiert fühlt sich auch Klaus Kirschner, der ehemalige und langjährige Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Gesundheit. Als er im Herbst 2005 aus politischen Gründen nicht mehr für den Bundestag kandidierte, trat er spontan dem ALS-Vorstand bei. „Hinter den von der Stiftung betreuten Fällen“, sagt Kirschner, „verbirgt sich manches menschliche Drama. Ich bin froh darüber, daß wir diesen Menschen helfen können, damit sie wenigstens ihre finanziellen Ansprüche für ihren häufig irreparablen gesundheitlichen Schaden durchsetzen können.“

Zu danken ist das der Stifterin Ilse Lang. Sie ist Mitinhaberin der Renolit-Gruppe, dem größten europäischen Hersteller von Kunststoff-Folien. Die Unternehmerin hat mit Hilfe ihres Privatkapitals die Stiftung ins Leben gerufen. Sie trägt den Namen ihrer Tochter Alexandra Lang, die im Jahre 2000 nach einem Arztbesuch im Alter von 30 Jahren an den Folgen einer Sepsis durch Citrobakter gestorben ist. In einem seit Jahren andauernden Zivilverfahren soll geklärt werden, ob die ihr verabreichte Infusionslösung mit Vitamin-Komplexen und Spurenelementen verunreinigt war.

„Wir können nur in Einzelfällen helfen“, sagt Ilse Lang in dem Bewußtsein, daß die ALS in diesem Bereich zwar einen wichtigen, im Vergleich zur Gesamtzahl der Fälle aber eher bescheidenen Beitrag leisten kann. Auf rund 175.000 Fälle jährlich schätzt das „Aktionsbündnisses für Patientensicherheit“ die Zahl der Behandlungsfehler allein im stationären Bereich. Etwa 17.500 davon enden tödlich. (Im Vergleich: 5361 Menschen starben 2005 im Straßenverkehr).

Jeder von der Stiftung übernommene Fall wird medizinisch und juristisch penibel analysiert, um alle denkbaren Chancen für Schadenersatzansprüche zu nutzen. Selbst vorliegende medizinischen Gutachten werden auf ihre Plausibilität geprüft. „Sorgfalt geht uns vor Masse“, sagt Frau Dr. Ulrike Zunker, die Ärztin der Stiftung, „aus diesem Grunde konzentriert sich die ALS auf die wirklich schwerwiegenden Fälle.“

Nicht selten erleben geschädigte Patienten nach dem medizinischen auch noch ein juristisches Desaster, weil ihre Ansprüche nicht rechtzeitig und oft unvollständig geltend gemacht werden. Die ALS-Mitarbeiter haben derartige Fälle häufiger erlebt, sie arbeiten daher nur mit qualifizierten Fachanwälten zusammen.

Die Stiftung hat sich ehrgeizige Ziele gesteckt. In Zusammenarbeit mit den Krankenkassen setzt sie sich für eine verbesserte Fehlererkennung sowie für eine Optimierung der medizinischen und juristischen Aufarbeitung der Fälle ein. Durch gezielte Lobbyarbeit will die Alexandra-Lang-Stiftung das Augenmerk verstärkt auf die von vielen Patienten als unerträglich lange empfundene Verfahrensdauer von Arzthaftungsprozessen lenken, die sich nicht selten über einen Zeitraum von über einem Jahrzehnt erstrecken. Prof. Geiger: „Das ist einfach nicht zumutbar. Mancher geschädigte Patient erlebt das Ende seines Verfahrens nicht oder stimmt aus Verzweiflung einem für ihn ungünstigen Vergleich zu. Da müssen wir Verbesserungen erreichen.“


   

Quelle: BKK Artikel aktuell, 25.10.07